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ADHS & Wut im Mama-Alltag: Warum du so schnell explodierst

Vielleicht kennst du diesen Moment nur zu gut.
Gerade warst du noch ruhig, geduldig, zugewandt. Du hattest das Gefühl, es läuft ganz okay. Und dann kippt etwas. Kein großes Drama. Kein „echter“ Auslöser. Ein Geräusch zu viel. Eine weitere Frage. Dieses eine „Mamaaaa!“, das genau im falschen Moment kommt.

Und plötzlich ist sie da: diese Wut. Kurz. Heftig. Explosiv. Nicht gewollt und kaum aufzuhalten.

Was danach kommt, kennen viele Mamas mit ADHS mindestens genauso gut wie die Wut selbst: Scham. Schuld. Grübeln. Die Frage, warum es immer wieder passiert, obwohl man es doch eigentlich besser weiß und ganz anders sein möchte.

Wenn du Mama bist und ADHS hast, dann ist diese Wut kein Zeichen dafür, dass du „zu wenig im Griff“ hast. Sie ist ein Signal. Und sie entsteht nicht zufällig.

In diesem Artikel möchte ich dir erklären, warum Wut bei ADHS im Mama-Alltag so schnell hochschießt, was dabei im Nervensystem passiert und warum gut gemeinte Ratschläge wie „ruhig bleiben“ oder „versuchs mal mit Atmen“ an dieser Stelle oft genau ins Leere laufen.

👉 Hier kannst du dir das Thema auch als Video ansehen, wenn du lieber hörst oder zuschaust:

Wut bei ADHS ist kein Charakterproblem. Sie ist ein Kapazitätsproblem.

Viele Frauen mit ADHS haben schon früh gelernt, sich zusammenzureißen. Nicht aufzufallen, zu funktionieren, ihre Gefühle im Griff zu behalten oder nach innen zu verlagern. Das funktioniert oft erstaunlich lange, zumindest von außen betrachtet.

Mutterschaft verändert diese Dynamik grundlegend.
Nicht, weil Frauen plötzlich „schwächer“ werden, sondern weil der Alltag mit Kindern Dauerpräsenz, emotionale Verantwortung und eine hohe Reizdichte mit sich bringt, die sich nicht mehr wegorganisieren lässt.

Es gibt wenig Rückzug. Wenig echte Pausen. Viel Lärm. Viel Nähe. Viel Unvorhersehbarkeit. Und genau hier zeigt sich, wie ein ADHS-Nervensystem arbeitet.

Bei ADHS ist die Reizfilterung weniger zuverlässig. Das bedeutet: Mehr kommt gleichzeitig an. Geräusche, Bewegungen, Emotionen, Anforderungen. Was andere ausblenden oder sortieren können, läuft bei dir parallel. Das kostet Energie. Sehr viel Energie.

Wut entsteht in diesem Kontext nicht, weil du unfair bist oder einfach impulsiv. Sie entsteht dort, wo die innere Kapazität erschöpft ist. Dort, wo dein Nervensystem nicht mehr regulieren kann, sondern nur noch reagieren.

Reizüberflutung bei ADHS: Wenn dein System im roten Bereich ist

Im Mama-Alltag gibt es viele dieser typischen Situationen, die für ein ADHS-Nervensystem schnell zu viel werden. Das Kind schreit, während der Topf überkocht und das Handy klingelt. Mehrere Kinder sprechen gleichzeitig. Beim Anziehen trödelt dein Kind, während du innerlich unter Zeitdruck stehst.

Was dabei passiert, ist nicht einfach „Stress“. Dein Nervensystem bewertet diese Gleichzeitigkeit als Überlastung und Überlastung wird unbewusst als Gefahr eingeordnet. Die Reaktion darauf ist nicht rational, sondern körperlich. Wut ist dann eine Schutzreaktion. Ein Versuch, die Situation irgendwie zu stoppen oder Kontrolle zurückzugewinnen.

Das ist wichtig zu verstehen: In diesem Moment entscheidet nicht dein Wille. Es entscheidet dein Nervensystem.

Emotionale Überforderung bei ADHS: Gefühle kommen schneller, lauter und ungefilterter

Viele ADHS-Mamas beschreiben ihre Gefühle nicht als „intensiv“, sondern als plötzlich. Sie sind nicht lange im Aufbau. Sie sind einfach da. Das liegt daran, dass bei ADHS das emotionale System sehr schnell anspringt, während die regulierende Instanz, der präfrontale Cortex, langsamer greift.

Gefühle werden also erlebt, bevor sie eingeordnet werden können.
Ein weinendes Baby bringt den Körper sofort in Alarm. Ein unbedachter Satz des Partners löst augenblicklich Wut aus. Ein Konflikt mit dem Kind eskaliert, noch bevor du innerlich realisierst, dass du gerade laut wirst.

Und häufig kommt danach ein harter innerer Absturz. Schuldgefühle. Selbstvorwürfe. Das Gefühl, wieder versagt zu haben.

Hier ist mir eines besonders wichtig: Du bist nicht „zu sensibel“. Du bist auch nicht emotional instabil. Du reagierst neurologisch anders. Und dieses Anderssein wird für dich als ADHS-lerin im Mama-Alltag besonders sichtbar, weil dort kaum Puffer existieren.

ADHS Mama und Wutausbrüche: Wenn die Reaktion vor dem Nachdenken kommt

Ein Satz, den ich von vielen Mamas höre, lautet: „Ich weiß eigentlich, wie ich reagieren möchte. Aber die Wut ist einfach schneller.“

Das ist kein Widerspruch. Es ist typisch für ADHS. Unter Stress sind die exekutiven Funktionen schneller überlastet. Die Fähigkeit, innezuhalten, abzuwägen und bewusst zu entscheiden, ist in diesen Momenten eingeschränkt. Die Reaktion kommt vor der Reflexion.

Du hörst dich selbst schreien und bist im selben Moment darüber erschrocken. Nicht, weil du keine Werte hast. Sondern weil deinem Gehirn in diesem Moment die Pause fehlt, die andere vielleicht noch abrufen können.

Hier fehlt kein Wille. Hier fehlt eine neurologische Unterbrechung.

Alte Anpassungsmuster und der Druck des Mama-Ideals

Viele Frauen mit ADHS waren als Kinder und Jugendliche eher unauffällig. Leistungsbereit. Anpassungsfähig. Sie haben früh gelernt, ihre Bedürfnisse zurückzustellen, um dazuzugehören oder Erwartungen zu erfüllen.

Mutterschaft bringt diese Strategie an ihre Grenzen.
Es gibt keinen Raum mehr, um dauerhaft zu maskieren. Gleichzeitig sind die gesellschaftlichen Erwartungen an „die gute, geduldige Mutter“ hoch. Jede Wut fühlt sich dann nicht nur wie ein Ausrutscher an, sondern wie ein persönliches Scheitern.

Dieser innere Druck verstärkt die Wut zusätzlich. Nicht, weil du falsch bist, sondern weil der Anspruch an dich für ein ADHS-Nervensystem schlicht zu hoch ist.

Was dir in akuten Wutmomenten helfen kann

Mini-Tools lösen nicht die Ursache. Aber sie können den Moment entschärfen und verhindern, dass aus einer Überforderung eine Situation entsteht, die dir im Nachhinein wehtut.

Eine Möglichkeit ist eine innere Erlaubnis, die ganz bewusst simpel bleibt. Ein einziger Satz wie: Ich brauche einen Moment. Kein Zusammenreißen. Kein inneres Schimpfen. Nur diese kurze Unterbrechung, die deinem Nervensystem ein klein wenig Raum verschafft.

Eine zweite Möglichkeit ist körperliche Spannung umzuleiten. Wenn du deine Hände für ein paar Atemzüge fest gegeneinander drückst, geht die Aktivierung in die Muskulatur statt nach außen. Du bleibst handlungsfähig, ohne zu explodieren.

Das sind keine Lösungen für immer. Aber sie können den Verlauf verändern.

Und das Entscheidende zum Schluss

Wut im Mama-Alltag bei ADHS ist kein Zeichen von Unfähigkeit. Sie ist ein Signal für Überlastung. Der Weg führt nicht über mehr Kontrolle, mehr Disziplin oder mehr Schuldgefühle. Er führt über Entlastung. Über passende Rahmenbedingungen. Über ein anderes Verständnis davon, wie dein Nervensystem arbeitet.

Wenn du dich in diesem Text wiederfindest und denkst: Ja, genau so ist es bei mir, dann ist das ein Anfang. Ein Anfang von Verstehen. Und hoffentlich auch ein Anfang von Entlastung für dein Kind und für dich.

Wenn du tiefer einsteigen möchtest, findest du auf meiner Homepage weitere Impulse. Denn: Du bist nicht allein mit deiner Wut, du brauchst einfach ADHS-taugliche Strategien. Schau dich gerne um und nimm dir mit, was dir gut tut.

Alles Liebe für dich

Judith

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