Viele Frauen kommen erst als Mamas an einen Punkt, an dem sie merken: So wie bisher funktioniert mein Leben nicht mehr.
Nicht, weil sie vorher keine Probleme hatten. Sondern weil sie über viele Jahre funktioniert haben. Angepasst, leistungsbereit, kontrolliert. Und weil genau diese Strategien in der Mutterschaft an ihre Grenzen kommen.
Erschöpfung, innere Unruhe, Reizüberflutung, Wut, Selbstzweifel, das Gefühl zu versagen, all das wird dann schnell als persönliches Scheitern gelesen. Als mangelnde Belastbarkeit. Als Beweis dafür, dass man „keine gute Mutter“ ist.
Dass es sich um spät diagnostiziertes ADHS handeln könnte, kommt vielen Frauen erst sehr viel später in den Sinn. Und oft erst dann, wenn der Leidensdruck bereits enorm ist.
In diesem Artikel möchte ich erklären, warum so viele Frauen ihr ADHS erst in der Mutterschaft erkennen und warum das kein Zufall ist.
👉 Wenn du lieber hörst oder zuschaust:
Zu diesem Thema gibt es auch ein ausführliches Video auf YouTube, in dem ich die Zusammenhänge noch einmal persönlich und alltagsnah erkläre.
ADHS entsteht nicht plötzlich mit der Geburt eines Kindes. Spät diagnostiziertes ADHS bedeutet nicht, dass die Symptome erst spät auftreten, sondern dass sie lange nicht als ADHS erkannt wurden.
Viele Frauen mit ADHS wachsen mit klaren Erwartungen auf: brav sein, angepasst sein, leise sein, nicht stören, nicht zur Last fallen. Auffälliges Verhalten wird schneller korrigiert, Rückzug und Überanpassung dagegen oft belohnt.
Ein Mädchen, das still ist, fleißig, ordentlich, verantwortungsbewusst, fällt selten negativ auf. Auch dann nicht, wenn es innerlich permanent unter Spannung steht, sich überfordert fühlt oder enorme Energie aufwendet, um „richtig“ zu sein.
So lernen viele Mädchen früh, ihre Impulse zu kontrollieren und ihre Bedürfnisse zurückzustellen. Sie entwickeln Kompensationsstrategien, die nach außen gut funktionieren, aber einen hohen Preis haben.
Typische Kompensationsstrategien bei spät diagnostiziertem ADHSViele Frauen mit spät diagnostiziertem ADHS haben über Jahre oder Jahrzehnte Strategien entwickelt, um sich selbst zu regulieren und unauffällig zu bleiben. Häufig sind das:
Von außen wirken diese Frauen organisiert, zuverlässig, belastbar. Was man nicht sieht: wie viel Kraft es kostet, diesen Zustand aufrechtzuerhalten.
Diese Strategien sind keine Schwäche. Sie sind Überlebensstrategien in einer Welt, die neurodivergente Nervensysteme oft nicht mitdenkt.
Wenn Anpassung langfristig krank machtNicht alle Frauen können diese Kompensation dauerhaft halten. Viele fallen bereits in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter auf, allerdings nicht mit ADHS, sondern mit den Folgen davon.
Statt einer ADHS-Diagnose erleben sie:
Sie kommen in Therapie, lernen viel über sich, stabilisieren sich oft wieder. Aber die eigentliche Ursache bleibt oft unerkannt. Das Nervensystem, das permanent gegen sich selbst arbeitet, wird nicht gesehen.
Viele Frauen entwickeln mit der Zeit erneut funktionierende Strukturen. Sie organisieren ihr Leben, bauen Routinen auf, passen sich weiter an. Und es scheint, als hätten sie es „geschafft“.
Bis sie Mutter werden.
Mutterschaft verändert die Rahmenbedingungen radikal.
Und genau das ist der Punkt, an dem spät diagnostiziertes ADHS häufig sichtbar wird.
Denn als Mama fehlen viele der Voraussetzungen, die ADHS-lerinnen brauchen, um stabil zu bleiben:
Stattdessen bringt der Mama-Alltag:
Das Nervensystem bekommt keine Pause mehr. Die Energie, die jahrelang in Kontrolle und Anpassung geflossen ist, ist schlicht aufgebraucht.
Viele Frauen erleben dann erstmals einen echten Zusammenbruch ihrer Strategien.
Typische Erfahrungen von Mamas mit spät diagnostiziertem ADHSPlötzlich funktionieren Dinge nicht mehr, die früher selbstverständlich waren:
Viele Mamas beschreiben Wut, die sie so von sich nicht kennen. Oder eine tiefe Erschöpfung, die sich nicht durch Schlaf beheben lässt.
Und fast immer folgt die gleiche innere Reaktion: Selbstkritik. Schuld. Der Gedanke, zu versagen.
Dabei geht es hier nicht um mangelnde Kompetenz, sondern um ein Nervensystem, das über seine Grenzen hinaus belastet ist.
Ein weiterer zentraler Aspekt: die Kinder.
Viele Frauen beginnen sich mit ADHS auseinanderzusetzen, weil ihr Kind auffällt.
Weil es intensiv ist, unruhig, hochsensibel, neugierig, laut oder sehr zurückgezogen.
Und während sie lesen, zuhören, verstehen, passiert etwas Entscheidendes: Sie erkennen sich selbst wieder.
Eigene Kindheitserfahrungen bekommen plötzlich eine neue Bedeutung. Das Gefühl, immer anders gewesen zu sein, bekommt Worte.
Für viele Mamas ist das der Moment, in dem sie erstmals ernsthaft über spät diagnostiziertes ADHS bei sich selbst nachdenken.
Wenn Frauen ihr ADHS erst als Mamas erkennen, dann nicht, weil sie etwas übersehen haben.
Sondern weil sie sich über Jahre angepasst, kontrolliert, zusammengehalten haben, oft weit über ihre Kapazität hinaus.
Spät diagnostiziertes ADHS ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist das Ergebnis eines Systems, das lange nicht hingeschaut hat.
Das eigene Erleben bekommt rückblickend Sinn. Und mit diesem Verstehen entsteht oft zum ersten Mal echte Entlastung.
Nicht, weil plötzlich alles leicht wird. Sondern weil der Kampf gegen sich selbst aufhört.
Spät diagnostiziertes ADHS erklärt nicht alles, aber vieles. Vor allem das Gefühl, lange gegen innere Widerstände gelebt zu haben, ohne sie benennen zu können.
Viele Erfahrungen, die lange wie persönliches Scheitern wirkten, lassen sich im Kontext von spät diagnostiziertem ADHS anders einordnen. Nicht als Ausrede, sondern als Erklärung.
Wenn du dich weiter mit diesen Zusammenhängen beschäftigen möchtest, findest du auf meiner Website und auf meinem YouTube-Kanal weitere Einordnungen und alltagsnahe Perspektiven für Mamas mit ADHS.
Judith